Prinzessin Übermut - Katharina Doms

Katharina Doms

Der Weg des Herzens
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Prinzessin Übermut

In einem fernen Land lebten einmal vor langer Zeit ein König und seine Königin. Beide waren wohl gelitten von den Menschen, denn sie waren immer freundlich und gut und hatten für jeden ein offenes Herz.
 
Der König und die Königin hatten alles, was sie sich nur wünschen konnten. Ihr Land war groß und weit und in ihm waren die schönsten Wälder, Seen und Flüsse. Und  viele Tiere lebten dort, eines schöner als das andere. Die beiden liebten ihr Land, gab es ihnen doch alles, was sie für ein gutes Leben brauchten. Und doch wollte eine große Traurigkeit nicht von ihnen weichen. Ein Kindchen war ihnen versagt geblieben.
 
Eines schönen Tages dann, und niemand im ganzen Land hatte mehr darauf zu hoffen gewagt, da schenkte die Königin einem Mädchen das Leben.
 
Das Kind wurde von jedermann gehegt und gepflegt, damit ihm nur kein Leid geschah und es auch niemals Leiden zu Gesicht bekam. Es wuchs heran zu einer schönen Prinzessin mit feinen, ebenmäßigen Zügen und wundervoll glänzendem Haar, das ihr in dicken Wellen bis zu den Hüften reichte. Ihr Anblick öffnete jedem Menschen das Herz. Weil sie nun recht neugierig und ohne jede Angst war, wurde sie ‚Prinzessin Übermut‘ genannt.

 
Prinzessin Übermut tanzte und sprang den lieben langen Tag umher. Nichts konnte sie aufhalten, nichts erschrecken. Im Wald, da hüpfte sie die Bäume hinauf, so schnell, dass noch nicht einmal der schnellste Knabe sie einholen konnte. Es war gerade so, als hätte sie Flügel. Und die Bäume? Die standen ganz ruhig da, und bewegten sich nicht. So, als wollten sie die Prinzessin beschützen. Wenn Übermut spielte, fühlte sie sich frei!


Eines Tages, als sie wieder im Wald spielte, kam eine alte Frau des Weges. Ihr Schritt war schlurfend, ihre Gestalt gebückt. Als sie die junge Prinzessin so springen sah, da war sie mit einem Male sehr besorgt und rief: „Kind, komm auf der Stelle herunter von diesem Baum!“
 
„Aber warum denn? Es ist gerade so schön hier oben. Die Bäume sind meine besten Freunde. Wenn Ihr wüsstet, wieviel Freude es macht von Baum zu Baum zu fliegen, dann würdet auch Ihr heraufkommen. Habt Vertrauen, gute Frau!“, rief Prinzessin Übermut der alten Frau übermütig zu.
 
„Komm herunter, sage ich dir! Hat dir denn niemand gesagt, dass das gefährlich ist, was du da tust? Wenn du hinunter fällst, könnte es dich dein Leben kosten!“ rief die Alte zur Prinzessin hinauf.
 
Die aber sprach: „Ach, gute Frau, es gibt nichts Schlechtes auf der Welt. Seht doch, wie die Bäume mich halten! Sie passen auf, damit mir kein Leid geschieht!“
 
„Ach Kind, wovon sprichst du nur? Warst du denn noch niemals in der Welt dort draußen? Da gibt es viel Leid und viele Tränen bei den Menschen.“
 
Prinzessin Übermut jedoch lachte nur und spielte weiter ihr fröhliches Spiel.
 
Da fing mit einem Male die alte Frau bitterlich zu weinen an. Sie setzte sich auf einen nahen Baumstumpf und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Übermut, die noch nie zuvor in ihrem Leben Tränen gesehen hatte, hielt bestürzt in ihrem Spiel inne, sprang auf die weiche Erde hinab und setzte sich zu der alten Frau.
„Großmutter, was ist das, was da aus deinen Augen herausläuft? So etwas habe ich zuvor noch nie gesehen?“
 
„Das nennen die Menschen ‚Tränen‘. Weißt du, wenn wir Menschen vor lauter Traurigkeit nicht wissen, wie uns geschieht, dann weinen wir. Es erleichtert unsere Seele. Ich habe soviel Elend auf dieser Welt gesehen, dass es mich schmerzt, dich so übermütig und frei herumspringen zu sehen.“
 
„Elend kenne ich freilich nicht“, entgegnete Übermut, „aber wenn du magst, dann führe mich hin und ich kann es mit meinen eigenen Augen sehen. ... Mir war nämlich immer schon so, als würde etwas in meinem Leben fehlen. Als wäre ich nicht ganz und vollkommen.“
 
Die Alte willigte ein, Übermut zu führen. Der König nahm seiner Tochter jedoch das Versprechen ab, niemals ihre Füße außerhalb der Grenzen des Königreiches  zu setzen. „Und tust du es doch“, sprach er, „so wird es dir schlecht ergehen!“. Dann gab er seiner Tochter und der Alten seinen Segen.


 
Übermut und die Alte reisten viele Tage und Wochen durch viele Städte und Dörfer des Königreiches, aber nirgendwo wollte ihnen das Elend begegnen. Im ganzen Königreich begegneten ihnen Menschen, die fröhlich und glücklich waren. „Mir scheint, dass es kein Elend auf dieser Welt gibt, so, wie du es gesagt hast“, sagte die Prinzessin eines schönen Morgens. „Überall wohin wir gehen, sehen wir Freude und Glückseligkeit. Komm, Großmutter, lass uns doch einmal über die Grenzen unseres Landes gehen. Lass uns ins andere Königreich reisen. Vielleicht finden wir dort das, was wir suchen.“ „Aber mein Kind“, sprach die Alte, „dein Vater, der König hat es dir strengstens verboten! Willst du seinem Geheiß zuwider handeln? Das wird dir schlecht zu stehen kommen!“
Aber Übermut ließ sich durch nichts, was die Alte sagte, von ihrem Vorhaben abbringen. Sie sprach: „So schlimm wird es schon nicht kommen. Hast du vergessen, wer ich bin? Ich bin die Tochter des Königs und mein Name ist ‚Übermut‘.“
 
Und so reisten sie weit über die Grenzen des Königreiches hinaus. Dort sah Übermut dann all das, wovon die Alte gesprochen hatte. Lange Zeit wanderten sie durch dieses fremde Land, Übermut immer auf der Suche nach dem Glück und der Freude. Für einen jeden hatte sie ein gutes Wort und ein Lächeln. Mit starker Hand packte sie an, wo Hilfe not tat. Doch so sehr sie sich auch mühte, es wollte ihr nicht gelingen, Lachen und Freude in das Leben der Menschen zu bringen.
 
Mit jedem Tag, den sie mehr in dieser Welt lebte, wurde sie stiller und trauriger, bis eines Tages kein Lachen mehr in ihrem ehemals so schönen Gesicht zu sehen war. Die Alte sah wohl die Trauer, die sich von Tag zu Tag mehr in Übermuts Gemüt ausbreitete.
 
Eines Morgens dann konnte sich Übermut gar nicht mehr beruhigen. Sie weinte gar bitterliche Tränen, ob all des Leids, das sie gesehen hatte. Immer mehr fühlte sie die Traurigkeit der anderen Menschen. Sie versuchte sie abzuschütteln, gerade so, wie ein nasser Hund das Wasser aus seinem Fell schüttelt. Doch es wollte ihr nicht gelingen.
 
„Ach, Großmutter... Gibt es nirgendwo Gerechtigkeit und Glück unter den Menschen? Und nun sind auch meine Freude und mein Glück entschwunden. Ich bin hier und finde nicht mehr zurück.“

Die Alte schaute Übermut mit ihren gütigen Augen eine lange Zeit an. Dann sagte sie: „Mein Kind, was du hier siehst, was du hier fühlst, all das gehört zu einem Menschenleben dazu. All das macht das Leben erst lebenswert. All das gibt dem Leben Sinn. In deines Vaters Königreich erlebtest du glückliche Menschen, hier erlebst du traurige Menschen. Wir sind gekommen, dass du ganz wirst und heil. Dass du lernst, in der Mitte von alledem zu leben. Bist du glücklich, dann wisse, es gibt auch die Trauer. Und bist du traurig, dann wisse, es gibt das Glück. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Erschaffe dir in dir selbst einen Raum Ruhe und des Glücks. Das soll dann für alle Zeit dein Rückzugsort sein, deine Wohlfühloase, wenn das Leben gar zu stürmig wird.“
 
„Aber Großmutter“, sagte Übermut, „wie soll ich in mir die Ruhe und das Glück finden, wenn doch alles im Außen unruhig ist?“
 
„Das Außen ist eine Spiegelung deines Inneren. Veränderst du dein Innen, so verändert sich dein Außen. Leide nicht, sondern fühle mit. Bewerte nicht, sondern beobachte. Dann wird es dir leicht gelingen, deinen inneren Raum der Ruhe zu erschaffen. Wenn alles zuviel wird, dann stelle dir vor, wie du eine Treppe in deinem Körper hinabsteigst. Vom Kopf, über den Hals, hinein in deinen Leib... dorthin, wo dein Herz schlägt. Betrete dein Herz und es wird sich dir ein großer Raum zeigen. Schaue dich um und siehe, wie DEIN Raum sich dir zeigt. Ist er groß? Ist er klein? Ist er leer oder ist er gefüllt? Wenn er gefüllt ist, womit ist er gefüllt? Besitzt dein Raum Fenster? Ist er hell oder dunkel. Vielleicht siehst du ein Sofa, das dich einlädt, auf ihm zu verweilen. Lerne DEINEN inneren Raum der Ruhe und Zufriedenheit kennen. Besuche ihn möglichst oft, dann wird es dir immer besser gelingen, ihn auch in schweren Zeiten zu erreichen.“
 
Großmutter und Übermut reisten noch eine lange, lange Zeit durch das Land der Trauer und des Schmerzes. Mit jedem Tag aber, an dem Übermut übte, ihren eigenen Raum zu betreten, fühlte sie sich besser. Ja, manchmal fühlte sie nahezu Glück in ihrem Herzen, obgleich sie das Leid der anderen Menschen sah.
Als Übermut nach neun Jahren des Wanderns dann Heimweh in ihrem Herzen verspürte, kehrten die Großmutter und sie in des Königs Reich zurück.
 
Was soll ich dir sagen... die Kunde über die Rückkehr der Prinzessin verbreitete sich im ganzen Königreich wie der Wind. Und die Freude war so groß, dass im ganzen Land Freudenfeste gefeiert wurden. Übermut und die Großmutter aber blieben ihr ganzes Leben in Liebe miteinander verbunden. Und als Übermut einen schönen Königssohn zum Gemahl nahm und zwei reizenden  Kindern das Leben schenkte, da ward die Großmutter die Patin des kleinen Prinzen und der kleinen Prinzessin.

 
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.




 
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