Die drei Frauen - Katharina Doms

Katharina Doms

Der Weg des Herzens
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Die drei Frauen

Es war einmal ein kleines Mädchen, das es liebte im hohen Gras zu liegen und den Wolken nachzuschauen. Es liebte den Gesang der Vögel und den süßen Duft der Blumen. Das Mädchen wuchs wohlbehütet heran und wurde von jedermann wegen seiner herzlichen und offenen Art geliebt.

Als es 12 Jahre alt war, da erkrankten die Eltern sehr. Mutter und Vater riefen ihre Tochter zu sich und sprachen: „Liebes Kind, wir fühlen, dass unsere Zeit gekommen ist. Wir haben nichts, das wir dir hinterlassen können. Sei du aber sittsam und rein, so wie wir es dich gelehrt haben. Dann wird es dir an nichts mangeln. Gehe nur hinaus in die weite Welt und lasse dich von deinem Herzen leiten. Gehe mit Gottes Hilfe, dann wird es dir wohl ergehen.“ Darauf schlossen sie ihre Augen. Als sie zur Erde getragen wurden, da ging das Mädchen bitterlich weinend hinter ihren Särgen und erwies ihnen die letzte Ehre.

Bald darauf machte es sich auf, ihrem Rat zu folgen. Im Glauben an den lieben Gott ging es hinaus ins weite Feld und folgte einfach seinem Herzen. So vergingen die Tage wie im Flug. Im Sonnenschein wanderte es durchs Land, wenn die Dunkelheit hereinbrach, dann legte es sich unter einen schützenden Baum oder Strauch direkt in den Schoß der Großen Mutter Erde. Und weil es so im Vertrauen war mit sich und mit allem um sich herum, kannte es keine Angst.

Eines schönen Morgens, da hörte es den wundervollen Gesang eines Vogels hoch über ihm. Es hob seinen Blick in den weiten blauen Himmel hinauf und sah eine Lerche genau über sich ihre Kreise ziehen und dabei ihr fröhliches Liedlein singen. „Trrlit triip, trrlit trieh triip... Folge mir, folge mir!“ rief die Lerche. Das Mädchen freute sich über den Gesang und die Worte, die es darin erkannte. Frohen Herzens folgte es der Lerche, wohin diese auch flog.


Als die beiden so eine lange Zeit durchs Land gewandert waren, da erblickte das Mädchen eines Tages ein kleines Häuschen in weiter Ferne. Es sah, dass das Häuschen am Rande eines Waldes stand und es war so, als würden die großen Bäume sich schützend über das Häuschen neigen. Neugierig ging es näher und weil es das Häuschen so lieblich fand, setzte es sich auf eine Bank, die vor dem Häuschen stand und war gleich darauf eingeschlafen.



Als es wieder erwachte, da erblickte es drei Frauen, die es voller Güte anschauten. Dann begann die erste Frau zu sprechen. Sie war wohl die jüngste der drei Frauen. Sie sagte: „Mein liebes Kind, nur diejenigen vermögen uns zu finden, die reinen und guten Herzens sind. Ihnen öffnen wir unsere Tür und laden sie ein, mit uns zu sein. Für die anderen Menschen bleiben wir unsichtbar.“

Die mittlere Frau sprach: „Du kannst bei uns bleiben, und uns den Haushalt führen. Die Lerche bekommt ihren Platz in den Furchen in unserem Garten. Darin ist sie geschützt und es wird ihr gut ergehen.“

Und die alte Frau, die sagte: „Was du lernen möchtest, das bringen wir dir bei und du kannst bei uns sein, solange dein Herz sich wohl fühlt. Spürst du aber ein Ziehen in deiner Brust, dann wird es Zeit, dass du weiterziehst und anderen Menschen das bringst, was du bist.“

Und weil die weisen Frauen es so liebevoll anschauten, nahm das Mädchen voller Freude an.

Die drei Frauen teilten ihr Wissen gerne mit ihm und wann immer es Fragen hatte, wurden die geduldig beantwortet.

Anderen Menschen aber begegnete es nie. Es war fast so, als wäre das Häuschen mit den drei Frauen und ihm selbst darin, vollkommen abgeschnitten von der Welt. Waren sie in dem kleinen Häuschen vielleicht für alle anderen Menschen unsichtbar, genauso, wie die Junge es gesagt hatte? „Nun“, dachte das Mädchen, „dann ist es so. Ich vermisse zwar meinesgleichen sehr, aber ich bin behütet und beschützt, ich leide keinen Mangel.  Ich liebe mein Leben hier, mein Lernen und auch meine Aufgaben, die ich zu erfüllen habe. Es geht mir gut und ich fühle mich wohl.“

Lange Jahre blieb es in dem Häuschen. Es führte den Haushalt, half im Garten und lernte alles, wonach sein Herz sich sehnte. Nach einiger Zeit erkannte es, dass hinter allem, was seine Augen erblickten, die Großen Seelen lagen. Es lernte, dass jede Pflanze, jedes Tier, jeder Stein, ja sogar die Große Mutter Erde eine eigene Stimme besaß, der man nur zu lauschen brauchte. Die Freundin des Mädchens, die Lerche, half ihm dabei und wurde ihm zu einer guten Ratgeberin.



Nach einigen Jahren verspürte das Mädchen eines Tages eine Trauer in seinem Herzen. Eine tiefe Sehnsucht nach seinesgleichen packte es und es ward traurig, dass es keinen anderen Menschen kannte. Als die Trauer so groß geworden war, dass es meinte, sein Herz müsse zerspringen, da ging es zu den drei weisen Frauen um sich Rat zu holen.

„Wir freuen uns, dass du nun bereit bist, wieder in deine Welt zurückzukehren“, sagte die Junge. „Du hast dich gut betragen hier bei uns, warst fleißig und hast viel gelernt. Bringe nun dein tiefes Wissen hinein in deine Welt. Denke immer daran: Was immer dir auch im Außen begegnen mag, die Stille und der Frieden deines Herzens vermögen dir zu helfen.“

Die Mittlere sprach: „Deine Freundin, die Lerche, sie wird dich in dein neues Leben in deiner eigenen Welt begleiten. Solange du lebst, soll sie an deiner Seite sein, dir eine gute Ratgeberin.“

„Du gehst mit unserem Segen“, sagte die Alte. „Wenn du wieder in deiner alten Welt bei den Menschen bist, dann wirst du uns niemals wieder sehen können. Wisse aber, dass wir in dir sind. Suchst du unseren Rat, unsere Weisheit und unser Wissen, dann lausche in dich hinein. Das ist der Schlüssel zur Wahrheit und zum ewigen Wissen. Du weißt, in dir gibt es einen Raum – deinen eigenen Raum – darin ist alles enthalten, was du je einmal gelernt hast. Nichts kann verlorengehen auf deiner Reise durch die Leben.“

Und dann sprachen alle drei Frauen wie mit einer Stimme, die Junge, die Mittlere, die Alte:

„Alles Wissen von Anbeginn der Zeit ist in dir. Nichts geht verloren auf deiner Reise durch die Leben! Du hast alles, was du brauchst, um dich daran zu erinnern!“

Dann legten die sie ihre Hände auf den Kopf des Mädchens und segneten es in ihrer großen Güte, in ihrer Weisheit und in ihrer Liebe.

Erschöpft von allem, was es gehört hatte, schlief das Mädchen ein. Wie lange es geschlafen hatte, weiß heute niemand mehr. Aber, als es erwachte, da war es wieder in seiner Welt, auf seiner Erde. Die Menschen liefen um es herum und schienen es gar nicht zu sehen. So ganz langsam aber, da erkannten sie es und hießen es in ihrer Gemeinschaft willkommen. Das Mädchen brachte Liebe und Freude unter die Menschen. Und jedes Herz, das es zu berühren vermochte, wurde erhellt durch seine tiefe Güte und durch seine Liebe.

Die Lerche aber, die verließ das Mädchen nicht solange es lebte.  






 
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