Der kleine Bär Ranju

Es war einmal ein kleiner Bär. Er hörte auf den Namen Ranju.
Ranju war kein gewöhnlicher kleiner Bär. Oh nein! Er hatte viele eigene Gedanken im Kopf und wollte die Welt entdecken. Er lebte mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner Schwester in einem großen Wald voller Wunder. Ranju dachte oft, dies sei ein magischer Wald. Er streifte gerne alleine umher, lernte die anderen Geschöpfe des Waldes kennen und war immer auf der Suche nach neuen und aufregenden Erlebnissen. Er liebte sein Leben.
Bär
Seine Eltern waren liebevoll, aber auch sehr streng mit ihm. Seine Schwester war leicht zu führen, aber Ranju hatte nun einmal seinen eigenen Kopf.  
„Ranju, Ranju!“, rief seine Mutter sehr oft. Nämlich immer dann, wenn Ranju seinen eigenen Kopf gebrauchte. Er wollte wissen, was um ihn herum so alles geschah. Und vor allem wollte er wissen, warum das geschah, was geschah. Seine Eltern schüttelten oft ihre Köpfe, wenn sie ihn so beobachteten und machten sich so ihre eigenen Gedanken.
 
„Mein Gott, Papa Bär“, sagte Ranjus Mutter oft, „wohin soll das mit dem Kind noch führen? Wann wird es lernen, dass das Leben nicht nur aus Abenteuer und Leichtigkeit besteht. Er muss doch lernen, sich  selbst zu versorgen, damit er hier in unserem Wald überleben kann.“ Sein Vater antwortete dann immer knurrig: „Er wird es schon noch lernen, weil er eben muss. So kann es jedenfalls nicht weitergehen mit ihm. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen. Und wenn gar nichts anderes hilft, müssen wir ihn eben zwingen, das zu lernen, was wichtig für ihn ist.“
 
Und so geschah es dann auch. Ranjus Eltern wurden immer strenger und erlaubten ihm bald fast gar nichts mehr. Aber wenn Du jetzt denkst, dass das Ranju von seinen Abenteuerreisen abhielt, dann liegst Du vollkommen falsch. Er wollte sich nicht anpassen. Er wollte Freude leben, er wollte wissen.
 
„Was die Eltern immer haben“, dachte er oft. „Das Leben ist doch schön, so wie es ist. Es gibt doch so vieles zu entdecken. Ich glaube, sie sind einfach nur alt.“
 
Und so machte er sich trotz der vielen Verbote immer heimlich auf den Weg hinaus in den großen, dunklen Wald. Ganz wohl war ihm dabei aber nicht. Sein schlechtes Gewissen wegen seiner Lügen plagte ihn sehr. Immer mehr beschlich ihn das Gefühl, sich entscheiden zu müssen. Wollte er in seiner Welt leben oder musste er in die Welt seiner Eltern wechseln. Und je häufiger er darüber nachdachte, desto verdrießlicher und mürrischer wurde er. Er zog sich immer mehr in sich selbst zurück, sprach kaum noch mit seinen Eltern und seiner Schwester. Auch befiel ihn immer ein sonderbares Gefühl, wenn er beobachtete, wie folgsam seine Schwester war. Sie machte den Eltern keine Schande. Auf sie waren seine Eltern sehr stolz. Auf ihn wohl eher nicht. … So dachte er.
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Als er wieder einmal eines schönen Sommertages so mürrisch und verschlossen durch den Wald trabte, zog der Himmel sich ganz plötzlich zu. Schwarze Wolken tauchten wie aus dem Nichts auf und verdeckten die gerade eben noch wärmende Sonne. „Oh mein Gott“, dachte Ranju, „was passiert denn jetzt hier?“ Er hatte nämlich noch niemals in seinem Leben etwas Vergleichbares gesehen. Er hörte ein dumpfes Grollen am Himmel und sah plötzlich strahlend weiße Lichtspeere hoch oben in der Luft. Es donnerte und blitzte gewaltig. Voller Angst rannte Ranju umher und suchte einen brauchbaren Unterschlupf. Einen Ort sucht er, an dem er sich verstecken konnte. „Ist das wohl meine Schuld?“ dachte Ranju auf einmal sehr ängstlich. „Gibt es dort oben vielleicht irgendwo ein großes Tier, das böse ist mit mir?“ „Vielleicht“, so dachte er, „vielleicht zürnt dieses Tier mir ja, weil ich so ungehorsam bin.“
 
Schließlich fand er einen alten Bretterverschlag, der groß genug war, um ihn zu schützen. Und schon kam der große Regen. Das Wasser prasselte vom Himmel, als hätte das große Tier dort oben den Stöpsel aus einem großen Himmelsteich gezogen. Und laut war es! So unglaublich laut! Dazu die hellen Lichtspeere und das laute Grollen, das sich immer mehr wie Schüsse anhörte. Er selbst hatte noch  nie in seinem Leben Schüsse gehört, aber seine Eltern hatten ihm und seiner Schwester davon erzählt und sie mit erhobenen Zeigefingern immer wieder davor gewarnt. Sie hatten gesagt: „Wenn ihr diese Schüsse hört, dann müsst ihr laufen. Ihr müsst laufen ganz tief in den großen Wald hinein, damit die Schüsse euch nicht verfolgen. Versprecht ihr uns das?“ Und die beiden hatten ganz ernst genickt.
 
Und nun hörte Ranju etwas, das wie Schüsse klang. Aber, wo sollte er hin? In den Wald, wie seine Eltern ihm gesagt hatten? Oder doch lieber hier bleiben, im Unterstand? Er war ganz unsicher weil er spürte, dass er sich entscheiden musste, er es aber nicht konnte. So blieb er voller Angst da, wo er war. Sein kleiner Bärenkörper zitterte vor Angst. Aber er blieb. Wenn er einen besonders lauten Schuss vernahm, duckte er sich, machte sich ganz klein und schloss seine Augen in der Hoffnung, dass ihm nicht geschehen würde.
 
So ganz allmählich tauchten die hellen Lichtspeere seltener am Himmel auf, die Schüsse wurden leiser und der Regen ließ nach.
 
„Oh, mir ist nichts geschehen“, dachte Ranju. „Was auch immer das war, wird weniger. Es wird leiser und der Regen lässt auch nach. Welch ein Glück! Wie mutig ich auch war! Die Eltern hatten Unrecht! Juchhu, sie hatten unrecht. Mir können die Schüsse nichts anhaben!!! Ich darf nur keine Angst zeigen, dann geht alles!“
 
So, ganz genau so, dachte Ranju und machte sich auf den Weg nach Hause.
 
Zu Hause angekommen lief er ganz aufgeregt und stolz zu seinen Eltern, um ihnen zu erzählen, was er erlebt hatte. Seine Eltern waren gram vor Sorge und als sie ihren Sohn sahen liefen sie ihm aufgeregt entgegen und schlossen ihn erleichtert in ihre Arme. Sie waren ja so froh, ihn wohlbehalten wieder bei sich zu haben!
 
Ranju erzählte, immer noch ganz aufgeregt, von seinen Erlebnissen. Von seinem Spaziergang, davon, dass der Himmel plötzlich ganz dunkel wurde und ein lautes Brummen durch die Lüfte flog. Er erzählte von den Lichtspeeren, die er gesehen hatte und von dem großen Regen. Auch erzählte er von seinem Unterstand, dass er sich dort vor den Schüssen versteckt hatte. Er erzählte von seinem Mut! Von seiner Angst aber erzählte er nichts! Die Eltern hörten zu und lächelten.
 
Nachdem er geendet hatte, sprach sein Vater mit liebevoller, aber auch mit strenger Stimme. „Höre mein Sohn“, sagte er, „die Lichtspeere, die du am Himmel gesehen hast, nennt man auch Blitze. Und die Schüsse, die du gehört hast, heißen Donner. Und es waren nicht die Schüsse, von denen Mutter und ich dir schon so oft erzählt haben. Der große Regen, die Blitze und der Donner schickt uns der Himmel. Oft, wenn es sehr heiß ist im Sommer. Manchmal kommen sie auch im Herbst, ganz selten im Winter. Die Schüsse, die wir meinen, kommen nicht vom Himmel. Sie kommen von der Erde und gehören zu den Tieren mit den vier Beinen, die aber nur auf zweien davon gehen. Aus den Stäben, die sie in den anderen zwei Beinen halten, kommen die Schüsse. Und diese Schüsse können dich verletzen, wenn sie dich erreichen. Ja, sie können dir sogar dein Leben nehmen. Deshalb haben wir euch gesagt, dass ihr laufen sollt, sobald ihr diese Schüsse vernehmt. Also Junge, halte dich nach wie vor an unseren guten Rat. Er könnte dein Leben retten.“
Gefühle der Frauen
Ranju hörte aufmerksam zu. Gewiss, sein Vater mochte Recht habe mit dem, was er sagte. Aber war er bei Ranju gewesen, als der die Schüsse gehört hatte? Nein! Und Ranju wusste, dass er sich – und das wohl unerlaubt – doch sehr weit von seinem zu Hause entfernt hatte, als er seine Schüsse hörte. Sein Vater konnte sie unmöglich auf diese Entfernung hin gehört haben. Sein Vater musste Unrecht haben! Es musste einfach so sein! Ranju wollte sein Abenteuer behalten, er wollte seinen Mut behalten und er wollte seinen Glauben daran, dass alles möglich ist, wenn er es nur will, behalten.
 
Einige Wochen später, Ranju hatte sich wieder einmal unerlaubt weit von zu Hause entfernt, nämlich genau dorthin, wo er seine Schüsse gehört hatte, kam der große Regen erneut. Wieder verdunkelten große, schwarze Wolken die Sonne, wieder sah er helle Lichtspeere am Himmel und wieder hörte er in der Ferne die ihm nun schon bekannten Schüsse. Schnell eilte er zu seinem Unterstand und harrte dort der Dinge, die bestimmt kommen würden. Er freute sich! Und wie er sich freute! Schade fand er nur, dass seine Eltern wieder zu weit weg waren, um die Schüsse zu hören. Er hätte ihnen so gerne bewiesen, dass er Recht hatte. Er wartete eine kleine Weile und der große Regen kam. Lichtspeere erhellten den Himmel, die Schüsse peitschten über das Land. Doch Ranju hatte jetzt keine Angst mehr. Er kannte sich aus und genoss seinen Mut und seine innere Stärke.
 
Als die Lichtspeere und die Schüsse verschwunden waren und der Regen nachließ, wollte er sich auf den Heimweg machen. Da vernahm er auf einmal eine ganz leise Stimme: „Wer bist du, Junge?“, fragte die Stimme.

 

Ranju schaute sich erstaunt um. Er konnte niemanden entdecken, so sehr er sich auch anstrengte. Und da war sie wieder, die Stimme: „Wer bist du, Junge?“.
 
Ranju schaute sich gewissenhafter in seinem Unterstand um. Nichts! Er entdeckte nichts und niemanden. Da zuckte er mit seinen Schultern und wollte schon seinen Unterschlupf verlassen.
 
Doch da war sie ein drittes Mal, diese zarte Stimme: „Wer bist du, Junge?“.            
Ranju überlegte, ob er dieser Stimme einfach so antworten sollte. Die Eltern hatten doch immer gesagt, dass er sich vor Fremden in Acht nehmen soll. Und diesen leisen Fremden konnte er nicht einmal sehen!
 
Wirklich ganz vorsichtig und zögerlich sagte er: „Ich bin ein kleiner Bärenjunge. Und wer bist du? Und vor allem: Wo bist du?“
 
„Ich hänge hier oben, schräg über dir.“
 
Ranju schaute hoch und entdeckte einen großen Regentropfen, der über dem Eingang seines Unterstandes an einem Holzbarren hing. „Aber von dem kann doch nicht die Stimme kommen“, dachte Ranju.
 
„Doch, doch. Hihihihi. Du hörst meine Stimme. Hättest du nicht gedacht, was? Dass so ein kleines Wesen wie ich so laut sprechen kann, dass sogar du es hörst. Hihihihi!“
 
„Na, du bist ja ganz schön frech, du großer Tropfen.“, sagte Ranju „Was machst du eigentlich hier?“
 
„Ich warte.“, sagte der große Tropfen.
 
„Wie du wartest. Auf was wartest du denn?“ fragte Ranju.
 
„Ich warte auf das NICHTS“, sagte der große Tropfen.
 
„Na, wenn du auf nichts wartest, dann kann ich ja nach Hause gehen. Ich muss doch meinen Eltern erzählen, was ich gerade erlebt habe, damit sie mir endlich glauben und damit sie sehen, wie mutig und kraftvoll ich bin.“
 
„Warum sollen sie denn sehen, dass du mutig und kraftvoll bist? Tun sie das denn nicht längst?“
 
„Nein, sie tun es nicht längst“, antwortete Ranju mürrisch. „Sie gängeln mich, sie bevormunden mich und würden mich am liebsten einsperren, damit ich so werde, wie sie es sich wünschen.“
 
„Und das möchtest du nicht? Ich meine, so werden, wie sie es sich wünschen? Ja, warum denn nicht?“ fragte der große Tropfen.
 
„Weißt du, ich glaube, meine Eltern sind einfach dumm. Sie verstehen in Wirklichkeit gar nicht, um was es im Leben geht. Sie sind voller Angst … na ja, und sie machen mir damit Angst. Verstehst du, was ich meine?“ sagte Ranju.
 
„Ja, ich glaube schon, dass ich verstehe was du meinst. Aber sag Ranju, um was geht es denn im Leben. Was denkst du darüber?“
 
„Woher kennst du meinen Namen, Tropfen?“ fragte Ranju ganz erstaunt.
 
„Ich kenne deinen Namen, weil ich vieles einfach weiß, Ranju. Ich kann ein ganz kleines bisschen in dich hineinsehen, weißt du?“ antwortete der Tropfen.
 
In der Zwischenzeit hatten sich die dunklen Wolken verzogen und die Sonne wärmte mit ihren Strahlen wieder die Erde.
 
„Aha, du kannst also in mich hineinsehen“, brummte Ranju, „dann weiß ich aber nicht, warum ich dir erzählen soll, was ich meine. Das kann ich mir dann doch sparen, oder?“
 
„Ja, im Grunde genommen hast du Recht. Aber es ist trotzdem schön für mich, es zu hören. Weißt du, es macht nämlich schon einen Unterschied, ob ich etwas nur weiß, oder ob ich das, was ich weiß, auch höre, “ meinte der Tropfen.
 
„Na gut, dann sag ich’s dir. Dann hörst du es: Ich glaube, dass man alles, was man will erreichen kann. Man muss nur ganz feste daran glauben, man darf keine Angst zeigen und niemals weglaufen, “ sagte Ranju.
 
„Ach, und deine Eltern meinen das nicht?“
 
„Nein, meine Eltern meinen das nicht. Sie ermahnen meine Schwester und mich allzu oft zur Vorsicht. Das macht mir Angst. Und Angst will ich nicht haben!“
 
„Ja, das kann ich gut verstehen“, sagte der Tropfen, „Angst ist kein schönes Gefühl.“
 
„Genau“, rief Ranju laut, „und deshalb glaube ich lieber, dass alles was ich will möglich ist. Dann vergeht die Angst und ich kann fröhlich sein!“
 
Die Sonne brannte nun ganz heiß auf die Erde, so dass regelrechte Dampfwolken von ihr aufstiegen. Ranju schaute nachdenklich auf die Wiese vor seinem Unterschlupf. Wie schön diese kleinen Wölkchen aussahen, wenn sie so im Sonnenlicht nach oben stiegen. Er war ganz verzaubert von dem Anblick.
 
Ranju und sein neuer Freund waren eine zeitlang sehr still. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Bär
„Aber schau mich an“, sagte der kleine Tropfen, „siehst du, was gerade mit mir geschieht?“
 
„Was geschieht denn mit dir?“, fragte Ranju. „Ich kann nichts sehen. Du bist ein Tropfen und du bleibst ein Tropfen … wenn du das willst. Ist doch klar!“
 
„Nein Ranju“, sagte der kleine Tropfen, „schau genauer hin. Schau mich einmal richtig an. Was siehst du? Bemerkst du keinen Unterschied zu vorhin?“
 
„Hm, hm…“ Ranju schaute nun genauer auf den kleinen Tropfen, reckte ihm seine dicke Nase entgegen, wohlbedacht darauf, ihn nicht zu berühren. „Hm … Na ja, ich glaube … hm … ich meine … könnte es sein ……. Könnte es sein, dass du langsam kleiner wirst?“
 
„Ja genau, das meinte ich! Sehr gut beobachtet, Ranju! Ich werde ganz langsam kleiner. Und weißt du auch, warum das so ist?“
 
„Hm… nein, weiß ich nicht“, sagte Ranju, „erkläre es mir!“
 
„Ich werde kleiner, weil die Sonne so heiß scheint. Das nimmt mir so ganz langsam einen großen Teil meiner Masse weg. Das was mich eben noch ausmachte, verschwindet immer mehr. Kannst du es sehen?“ sagte der kleine Tropfen.
 
„Ja, jetzt wo ich genauer hinschaue, kann ich es sehen. Obwohl es doch recht schwierig zu erkennen ist, wie ich finde“, meinte Ranju.
 
„Ja schon, es ist schwierig zu erkennen und trotzdem geschieht es.“, sagte der kleine Tropfen.
 
„Aber warum geschieht es?“ fragte Ranju. „Kannst du denn gar nichts daran machen, etwas verändern? Du weißt schon, wie ich es meine. Wenn du es wirklich willst, dann kannst du es doch aufhalten, dein Kleiner-werden.“
 
„Nein, lieber, lieber Ranju. Ich kann daran nichts ändern. Es ist, wie es ist. Erinnerst du dich daran, dass du gefragt hast, was ich hier mache?“, fragte der kleine Tropfen.
 
Seine Stimme wurde nun auch immer leiser. Ranju musste seine Ohren schon sehr nahe an den kleinen Tropfen heranbringen, damit er ihn noch hören konnte. Und als er den kleinen Tropfen anschaute, musste er feststellen, dass aus dem kleinen Tropfen schon ein winziger Tropfen geworden war.
 
„Ja, “ antwortete Ranju auf die Frage des winzigen Tropfens, „ja, ich erinnere mich. Du sagtest: Ich warte. Und ich fragte dich: Auf was wartest du denn? Und du sagtest: Ich warte auf nichts. Und das habe ich nicht verstanden. Weil nichts ist nichts, darauf kann man nicht warten.“
 
„Nein Ranju, ich sagte nicht: Ich warte auf nichts. Ich sagte: Ich warte auf DAS NICHTS. Und das ist ein sehr, sehr großer Unterschied, glaube mir.“
 
Ranju brummte in sich hinein. „Hm, dann erkläre mir doch bitte einmal den Unterschied zwischen meinem „nichts“ und deinem „NICHTS“. Das kannst du gewiss nicht. Denn da gibt es einfach keinen Unterschied. Nichts ist nichts und bleibt auch nichts!!!“ Ranju wurde jetzt sehr laut. Nicht nur, weil er die Worte seines neuen Freundes nicht verstand. Vor allem deshalb, weil er begann sich große Sorgen um seinen Freund zu machen. Er wollte nicht, dass er verschwand… im NICHTS?
„Gut“, sagte er, „dann erzähle mir von deinem NICHTS. Das muss ja wahrlich etwas sehr großes sein, dass ich es nicht verstehe. Sonst verstehe ich nämlich alles und sonst weiß ich nämlich auch alles. Ich bin, wie du sehr gut sehen kannst, schon ein großer kleiner Bär. Ich bin nicht dumm! Ich verstehe sehr wohl, dass alle anderen meinen, sie könnten mir sagen, wie mein Leben funktioniert. Aber es ist mein Leben. Und ich weiß es nun mal besser als alle anderen.“
 
Ranju schwieg ein wenig beleidigt. So etwas war ihm noch nicht passiert. Sicher, seine Eltern sagten ihm auch ständig, dass er die Dinge falsch sah. Aber das durften sie auch. Auch wenn es ihm missfiel, wenn sie es taten. Sie waren seine Eltern, sie waren so viel älter als er, sie waren so viel größer als er. Vor allem das: SIE WAREN SO VIEL GRÖSSER ALS ER! Und nun kam ein kleiner Wassertropfen daher, der dazu noch immer kleiner wurde, und wollte ihm sagen, dass er dumm war? Ranju fühlte sich sehr gekränkt, weil er doch größer und sogar viiiiieeeeeel stärker war als dieser kleine Tropfen.
„Na ja“, dachte er, „es wird mich schon nicht umbringen, wenn ich ihm zuhöre. Ich muss es ja niemanden erzählen… tststs, so eine Geschichte glaubt mir ja doch keiner.
 
„Gut“, sagte Ranju laut zum kleinen Wassertropfen. „Dann erzähle du mir von DEINEM NICHTS, das anscheinend so anders ist als mein Nichts.“
 
„Was glaubst du, Ranju“, fragte der kleine Tropfen, „was glaubst du, warum ich hier oben hänge und so sehr zittere?“
 
„Das du zitterst, ist mir schon aufgefallen“, meinte Ranju. „Ich denke, es liegt an dem Wind, der weht. Der lässt dich immerzu zittern.“
 
„Ja, da hast du zum einen Recht. Der Wind lässt mich zittern. Aber nicht nur der Wind. Ich zittere, weil ich Angst habe zu fallen. Denn wenn ich fallen würde, wenn ich loslassen würde, dann würde ich auf die Erde fallen und in tausende, noch viel kleinere Wassertropfen zerplatzen. Und das möchte ich nicht. Ich möchte weiter mit dir reden, solange mir meine Zeit bleibt. Wenn ich fallen würde, würde die große Mutter Erde mich verschlingen. Oder anders ausgedrückt, ich würde in sie fließen, um all die lieben Pflanzen zu ernähren. Denn ohne Wasser können sie nicht sein. Aber, wie ich schon sagte, das möchte ich nicht.   ………………………  Und…………… ich habe Angst! Ich habe Angst im großen NICHTS zu verschwinden.“
 
„Aber warum wartest du denn dann auf DAS NICHTS?“ fragte Ranju. „warum wartest du darauf, wenn du so große Angst hast?“
 
Der kleine Tropfen dachte lange über Ranjus Frage nach. Ja, Ranju hatte ja Recht, warum wartete er eigentlich auf DAS GROSSE NICHTS?
 
„Weißt du“, antwortete der kleine Tropfen, „ich weiß, dass ich gehen werde, und doch möchte ich bei dir bleiben. Ich möchte dir noch so viel erzählen, weil du ein kluger kleiner Bär bist.“
 
Ranju blickte voller Verständnis, aber auch voller Sorge auf seinen neuen, sehr winzigen Freund. „Na dann erzähle mir von deinem NICHTS. Jetzt würde ich es gerne wissen. Ich bin auch ganz still und höre nur zu.“
 
„Gut Ranju, so machen wir es. Ich erzähle und du hörst zu.“ Und der sehr winzige Tropfen begann zu erzählen.
 
„Weißt du, Ranju, das GROSSE NICHTS ist immer da und es ist überall. Alles, was du siehst, alles, was du hörst, alles, was du riechst, alles, was du fühlst, ist von diesem NICHTS umgeben und durchdrungen. Stell dir vor, du atmest das GROSSE NICHTS sogar in dich hinein. Du siehst ja, dass ich immer kleiner werde … dass ich mich auflöse. Und wenn du noch einmal – so wie eben – auf die Wiese schaust, dann kannst du sehen, dass alle anderen kleinen Tropfen sich ebenfalls auflösen. Für die kleinen Tropfen geht es schnell, die größeren brauchen etwas länger. Aber wir alle werden uns auflösen … oder in der Erde versinken. Das ist unsere Bestimmung, und die kennen wir. Und weil wir sie kennen, wehren wir uns nicht. Im Gegenteil, wir nehmen sie an. Für mich ist es jetzt aber schwerer als die vorangegangenen Male, als ich hier oder woanders auf der Erde war. Es ist schwerer für mich, weil ich dich kennengelernt habe. Mir gefällt das Gespräch mit dir, mir gefällt, dass du neugierig bist und so vieles wissen möchtest. Und mir gefällt, dass ich etwas erzählen kann und mir jemand zuhört. Wir sind also jetzt miteinander verbunden.“
 
Ranju war mit einem Mal sehr nachdenklich. Er runzelte seine Bärenstirn.
 
„Wo gehen du und die anderen Tropfen eigentlich hin?“, fragte er.
 
„Wir gehen alle zurück in dieses große NICHTS.“, antwortete der winzige Tropfen, nun schon sehr, sehr leise. „Und weil wir alle dorthin zurückkehren, kann dort nicht einfach nur nichts sein. Verstehst du, was ich meine?“
 
„Ah!“, rief Ranju, „jetzt verstehe ich, glaube ich, was du meinst! Du verschwindest in deinem NICHTS. Und weil du dorthin verschwindest, kann dort nicht NICHTS sein. Ist doch klar! Weil du dort bist… und was weiß ich wer noch! Richtig?“
 
„Ja! Das ist richtig!“, rief der winzigste Tropfen. „Du hast es verstanden!!! Das freut mich jetzt aber. Du bist klug, mein junger Freund. Oh, wie schön, dass wir einander begegnet sind! Ich muss mich nun etwas beeilen Ranju. Mir bleibt nicht mehr sehr viel Zeit. Und irgendwann kannst du mich auch nicht mehr hören, weil ja auch meine Stimme immer leiser wird. Höre bitte zu, weil das, was ich dir jetzt zu sagen habe sehr wichtig ist für dich: Es ist richtig, dass du deinem Weg folgst. Es ist auch richtig, keine Angst zu haben vor dem eigenen Weg. Es ist aber falsch, die Angst, die du fühlst, nicht zuzulassen. Lerne dem großen NICHTS zu vertrauen, so wie ich es mache. Ich weiß, es ist nicht leicht, aber ich finde, es ist einen Versuch wert. Übergib deine Angst genau diesem großen NICHTS und lerne, dich von ihm führen zu lassen. Denn wisse, in diesem NICHTS ist nicht nichts. Es ist angefüllt von Liebe, Wahrheit, Wissen und Kraft. Und dies sind alles Dinge, kleiner Ranju, die auch in dir vorhanden sind. Du, und alle anderen auf der Erde – egal ob Zweibeiner, Vierbeiner, Achtbeiner, Keinbeiner, Vierflügler oder Zweiflügler, oder Flossler – ihr alle besteht aus Liebe, Wahrheit, Wissen und Kraft. Alles ist da, mein Freund. Nutze es! Und erlaube deinen Eltern so zu sein, wie SIE sein möchten. Vielleicht wissen sie schon von dem allem. Wer weiß das schon, hm?“
 
Ranju hatte ganz aufmerksam zugehört. Er nickte nun und dankte seinem Freund, dessen Stimme nur noch ein ganz leises Flüstern war. Und auch sein Flüstern verklang bald darauf. Da war nur noch Stille um Ranju herum. Er saß in seinem Unterschlupf und blieb bei seinem Freund. Er schaute zu, wie der winzigste aller winzigen Tropfen immer winziger wurde… bis er bald ganz verschwand.
„Mein neuer Freund, der Tropfen, ist jetzt im NICHTS. Das ist schön.“ dachte Ranju. „Und weil ich jetzt weiß, dass ganz viel im NICHTS ist, auch mein winzigster Tropfenfreund, und dass ganz viel aus dem NICHTS neu entsteht, habe ich keine Angst mehr. Und ja, wer weiß, vielleicht wissen die Eltern ja schon von dem GROSSEN NICHTS.“
Glücklich darüber, dass er den winzigsten Tropfen hatte kennenlernen dürfen und glücklich darüber, dass er so vieles gelernt hatte, machte sich auf den Weg nach Hause.