Das große Fest

Einst lebte einmal in eines Königs Schloss ein junges Mädchen. Wenn ihr jetzt aber glaubt, sie sei die Tochter des Königs, die Prinzessin gewesen, so muss ich euch sagen, ihr irrt!

Märchen
Das Mädchen war von großer Schönheit. Weil es aber einfältig war, wurde es von jedermann im Schloss das Dummelienchen genannt.
 
Dummelienchen besaß wenig, nur das, was sie am Leibe trug. Für ihr tägliches Brot musste sie tagein und tagaus in der großen Küche des Schlosses schuften, was sie nur konnte. Die anderen Bediensteten gaben ihr nur die schlechten und die schmutzigen Arbeiten. So wusch sie die großen Töpfe und Pfannen in einem Trog vor der Küche, bis sie glänzten. Sie sortierte die faulen Äpfel und Birnen aus einem großen Berg von reifem Obst heraus. Am Abend, wenn sie dann müde von der vielen Arbeit war, hatte sie keinen rechten Platz zum Schlafen. So legte sie sich auf den nackten Küchenboden und hielt dort Nachtruhe.
 
Eines Tages, die Brautschau des königlichen Prinzen stand an, da kam der König in die Küche und sagte: „Derjenige von euch, der die beste Speise für das große Fest zubereiten kann, dem soll es sein Leben lang an nichts mangeln.“ Weiter sagte er, dass alle Speisen noch vor dem großen Fest von ihm und seiner Königin und von dem Prinzen selbst gekostet werden sollen. Und die köstlichste Speise, die dürfe Einzug halten auf dem großen Fest.
 
Alle Bediensteten, die nur ein wenig von der hohen Kunst des Kochens verstanden, meldeten sich beim Hofkämmerer, um sich auf die Liste der Köche setzen zu lassen. Als Dummelienchen von dem Ausruf des Königs erfuhr, da dachte sie so bei sich: „Ach, das will auch ich versuchen! In all den Jahren, in denen ich nun schon hier bin, habe ich so  vieles gesehen, dass es mir sicher leicht fallen wird. So schwer kann es doch nicht sein, eine gute Speise zuzubereiten. Vielleicht finde ich ja mein Glück.“ So nahm sie dann ihr Herz in die Hand und ging voller Vertrauen zum Hofkämmerer, um ihn zu bitten, dass er sie auf die lange Liste setzen möge. Der aber lachte, als er ihr Begehren hörte und wollte sie schon abweisen. Da sprach Dummelienchen: „Ach, Herr Hofkämmerer, ich bitte Euch, setzt mich auf Eure lange Liste. Ganz unten will ich stehen und mich damit begnügen.“
Er aber sprach: „Was willst du, du dummes Kind? Ich kann dich nicht auf meine Liste setzen, da du nichts Gutes zu tun vermagst. Den lieben langen Tag tust du nichts anderes, als die Töpfe und die Pfannen draußen in einem Trog zu scheuern. Du liest das Obst, trennst die guten von den faulen Früchten. Sonst kannst du nichts. Was würde wohl unser Herr König sagen, wenn er deinen Namen auf der Liste fände?“
 
Dummelienchen bat und bettelte den lieben langen Tag. Am Abend dann konnte der Hofkämmerer gar nicht mehr anders, als sie auf seine Liste zu setzen. „Aber ganz nach unten setze ich deinen Namen. Ganz an das Ende“, sagte er. Dummelienchen war das gut genug und sie ging fröhlich von dannen.
Fest

Das große Kochen begann. Eine Speise nach der anderen wurde in der großen Schlossküche zubereitet. Und eine war schöner anzuschauen als die andere. Und weil viele Bedienstete sich in Liebe und tiefer Freundschaft zugetan waren, steckten sie oft ihre Köpfe zusammen und halfen einander.

Endlich kam der große Tag, an dem auch Dummelienchen ihre Speise zubereiten sollte. Einen Tag lang hatte sie Zeit. Aber alles, was sie anfasste, misslang. Die anderen standen nur da und lachten. Als ihre Zeit fast vorüber war und es langsam dunkel wurde, ging Dummelienchen hinaus in den Wald, um dort ihren Frieden in der Einsamkeit des Waldes zu finden.

Sie setzte sich unter einen großen Baum auf einen weichen Batzen Moos. Und wie sie so dasaß, voller Trauer, da kam nach einer Weile ein Einhorn ganz langsam auf sie zu. Sein Blick war freundlich und liebevoll. „Was sitzt du da so traurig, Dummelienchen?“, fragte das Einhorn.

„Ach“, antwortete sie, „Ich habe mich auf die lange Liste für die Brautschau setzen lassen und nun will mir nichts gelingen. Was ich auch beginne, es geht sich nicht auf. Alle lachen immer nur über mich und es gibt keinen Menschen in dem ganzen Schloss, der mir in Liebe und in Freundschaft zugetan wäre. Ich bin ganz alleine.“

Da sagte das Einhorn: „Verzage nicht, Dummelienchen. Höre auf meinen Rat: Gehe noch viel tiefer in den Wald hinein. Dort wirst du an einen alten, ehrwürdigen Baum gelangen und am Fuße des Baumes, genau da, wo sich seine Wurzeln ganz tief in die Erde graben, wirst du einen Eingang finden. Doch höre, dieser Eingang wird stark bewacht von einem alten Monstertier. Es ist nicht Fisch, es ist nicht Fleisch. Wenn es dir aber gelingt, an ihm vorbeizukommen, so wird dich ein Weg leiten. Folge ihm und du wirst deinen Schatz finden.“

Dann schaute es sie liebevoll an, drehte sich um und ging.

Fest
Dummelienchen saß lange da und dachte über die Worte des Einhorns nach. Zweifel stiegen in ihr auf – und Angst. Dann aber machte sie sich auf, noch tiefer in den Wald hinein. Und wirklich, als sie lange Zeit so gedankenverloren gegangen war, da erblickten ihre Augen den alten, ehrwürdigen Baum. So alt war er, dass er schon bestimmt viel gesehen hatte von der Welt. Zu seinen Füßen, genau dort, wo sich seine Wurzeln in die Große Erde gruben, da sah sie einen Eingang. Als sie nähertrat, stand plötzlich das große Monstertier vor ihr. Einen langen Körper hatte es und einen großen Kopf. Seine Augen waren klein und rund und es starrte sie eine ganze Weile böse an.
 
Dann sprach es: „Was willst du hier, du Unbeugsame? In den Eingang hinein lasse ich dich nicht!“
Dummelienchen war ganz starr vor Schreck. Dann aber gab sie sich einen Ruck und sprach: „Ich möchte aber doch in den Eingang hinein. Ich möchte sehen, wohin er mich bringt.“
 
„Was“, sagte das große Monstertier, „was bekomme ich von dir? Was kannst du mir schon geben, dass ich nicht schon längst hätte? Siehst du nicht, wie groß und schrecklich ich bin? Weißt du nicht, dass ich überall immer nur Angst und Schrecken verbreite? Bist du so blind, dass du es nicht siehst?“
 
Dummelienchen wurde ganz still. Sie schaute das Monstertier aufmerksam und sehr, sehr lange an. Dann, mit einem Male, erkannte sie es. Sie erkannte seine Schönheit, seine Liebe und auch die große Traurigkeit in ihm.
 
„Ich weiß wohl, wer du bist“, sprach sie. „Du bist groß und du bist schön. Und du bist ganz alleine auf der Welt, genauso wie ich. Ich kann mich selbst in dir erkennen und durch dich weiß ich nun wer ich bin. Du gehörst zu mir und ich gehöre zu dir. Uns kann nichts voneinander trennen. Lass mich hinein und es soll dein Schaden nicht sein.“
 
Als das Monstertier ihre Worte vernahm, da begann es ganz langsam sich zu verändern. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, und mit einem Male schauten seine Augen gütig. Es trat zur Seite und ließ Dummelienchen hinein.
Als sie eintrat, fand sie sich in einer großen Höhle wieder. Von dort führte ein Weg ganz nach unten. Er schlängelte sich immer tiefer in die Große Mutter hinein, war mal enger, war mal breiter, war mal steinig und mal weich. Dummelienchen folgte dem Weg immer tiefer hinab. Dann, mit einem Male, gelangte sie an einen großen Platz. Und mitten auf diesem großen Platz, da erblickte sie eine Feuerstelle. Und auf der Feuerstelle, da stand ein großer Topf, in dem es gar lustig zischte und brodelte. Eine Fee rührte in dem Topf, dass es nur so eine Freude war.
 
Als sie Dummelienchen erblickte, sagte sie: „Ah, da bist du ja endlich. Schon so lange habe ich auf dich gewartet. Nun bist du hier und kannst deine Gaben von mir erhalten. Schau, dies alles gehört dir.“ Sie zeigte auf den großen Topf und auf das, was in ihm brodelte. „Die Speise ist nun fertig gekocht. Sie ist dein, nimm sie und behandele sie gut. Sie wird dir zum Guten verhelfen.“
 
Mit diesen Worten gab die Fee den Topf hin und Dummelienchen nahm ihn ganz ehrfürchtig in ihre Hände, sagte Dank und ging den langen Weg zurück.
 
Als sie wieder beim Eingang war, da sah sie kein Monstertier mehr. Dort stand ein junger Mann. Ganz königlich gekleidet war er, ganz schön war er. Und er schaute Dummelienchen voller Liebe an.
 
„Ich bin ein verwunschener Prinz gewesen“, sagte er. „Vor vielen Jahren kam eine böse Hexe ins Schloss und zauberte mich. Der Zauber konnte nur gelöst werden, wenn mich ein Wesen in der Gestalt lieben könnte, so wie sie war. Du bist gekommen und hast meine Schönheit in dir entdeckt. Ich bin der jüngste Sohn des Königs und ich habe heute meine Braut gefunden.“
 
Dann nahm er Dummelienchen bei der Hand und führte sie heim ins väterliche Schloss.
 
Der große Topf aber, der bekam einen Ehrenplatz im Schloss. Und alles, was darin gekocht und gebraten wurde, gereichte jedem zum Wohl.